Silver Surfer auf der Erfolgswelle

Mit sechzig nicht mehr aktiv? Von wegen! Mit sechzig wird es höchste Zeit, gegen den Strom zu schwimmen. Oder mit ihm?

Hauptsache voll obenauf: Das sind die Pensionäre 4.0. Silver Surfer auf der Erfolgswelle.

Heute geht alt sein anders: Nicht etwa auf jung machen, sondern im Alter aufleben.

Sie tragen wahlweise einen Duft von Dolce & Gabbana oder von Rheumasalbe. Das eine so souverän wie das andere. Sie reden über künstliche Hüftgelenke und darüber, wie die virtuelle Realität die Chirurgie revolutioniert. Sie treffen sich zu Tee und Kuchen und bestellen Ristretto und Cupcake. Sie bunkern zuhause Gold-Vreneli und nerven sich über den Hipster, der an der Selbstbedienungskasse nicht vorwärtsmacht. Schliesslich ist Zeit in erster Linie nicht Geld, sondern eben Zeit. Und die ist knapp bemessen. Yogalektion, Kaffeeklatsch, Enkelbesuch, Malkurs und irgendwann will man ja auch noch seine Ruhe.

 

Um besagte Ruhe zu geniessen, reisen die Silver Surfer gerne in den Aktivurlaub. Und dort lassen sie es sich richtig gutgehen. Schliesslich haben sie ein halbes Jahrhundert auf die Pension hingeackert. Zur eigenen Belohnung wird bereitwillig das wohlgenährte Sparschwein zur Schlachtbank geführt. Jedoch nicht überstürzt, sondern wohlbedacht. Das ändert fürs Schwein zwar wenig, umso mehr aber für die vielen Feriendestinationen, die etwas vom Braten abhaben möchten. Ihr Angebot muss gut sein, besser als das der starken Konkurrenz. Denn der Silver Surfer vergleicht und wägt ab.

Die Tage, als Grosi einem die Türe in Puschel-Pantoffeln und Blümchenschürze öffnete, sind so sehr vergangen wie die letzte Folge «Schwarzwaldklinik».

Wieso ich das alles so genau weiss? Weil ich mit sechsundsechzig selber ein Silver Surfer bin. Und weil ich gestern kurzfristig eine Wanderwoche im schönen Davos gebucht habe – natürlich online. Heute morgen bereits ging es mit dem Zug von Zürich aus Richtung Bündner Berge. Gepackt hatte ich gestern gleich nach dem Buchen. Das brauchte etwas Zeit, denn unsereins klemmt sich nicht mehr einfach den Schlafsack unter den Arm und zieht los. Ringelblumensalbe gegen Muskelkater, Rheumatabletten, falls die Salbe nicht hilft, Blasenpflaster, Sonnen- und Lesebrille, Augentropfen, Hirsekissen und all die anderen überlebenswichtigen Dinge mussten den Weg in den Koffer erst finden.

Und jetzt stehe ich da und schüttle Adi, dem Wanderführer, die Hand. Nett sieht er aus, wie eine Mischung aus Alpöhi und Didier Cuche
mit Bündner Dialekt. Sympathisch. Neben ihm wühlen Ingeborg und Klaus-Dieter Feldmann in Klaus-Dieters Rucksack. Sie suchen den Feldstecher, der wohl im Hotel geblieben ist. Und dann ist da noch Iris, die zufrieden in die Sonne blinzelt. Wir alle gehören heute zur Gipfelstürmergruppe «Rot» und wollen gemeinsam das Seehorn erklimmen.

Die Wandergruppe «Blau» hat weniger ambitionierte Ziele. Eine gemütliche Runde um den See. Viel frische Bergluft, viel Sonne, null Höhenmeter. Kurz frage ich mich, ob mir Blau nicht besser stünde. Dann geht es aber auch schon los. Durch leichte Arven- und Lärchenwälder hoch auf das Maiensäss Drusatscha. Gut gelaunt erreichen wir von dort aus den Chaltboden, der seinem Namen alle Ehre macht. Ein frischer Wind bläst uns vom Flüelatal her entgegen. Iris, Ingeborg und ich packen unsere Windjacken aus. Klaus-Dieter erst ein spitzbübisches Grinsen, dann den Flachmann. Unter Ingeborgs warnendem Blick setzt er an und nimmt einen zünftigen Schluck vom «Gletscherwasser». Und noch einen. Einer zu viel für
Ingeborg.

Zum Glück hat Adi auf dem Weg zum Gipfel genügend Zeit, die Wogen, die das Gletscherwasser ausgelöst hat, zu glätten. Iris und ich bilden das Schlusslicht der Gruppe. Ich mag Iris. Sie erzählt mir von ihrer letzten Yogareise nach Bali. Ich sehe sie direkt vor mir, wie sie mit offenem, silbernem Haar die Sonne über dem Indischen Ozean grüsst.

Geschmeidig wie eine Katze. Etwas beschämt denke ich an meine eigenen Yogaversuche zurück und bin froh, dass die wunderbare Aussicht auf den Davoser See dieses Bild bald verdrängt. Nach drei Stunden haben wir das Seehorn erklommen. Ausgelassen juchzen wir dem Dorf tief unter uns zu. Schon bald sind wir auch wieder dort. Dann stossen wir an auf den tollen Tag: Adi spielt Gitarre und Ines wippt zu den Klängen hin und her. Ingeborg und Klaus-Dieter prosten sich fast frisch verliebt zu.

Und ich, ich teile mein Gipfel-Selfie auf Instagram. #silversurfer